Archive for March, 2010
Oslo und alles wird gut
Ausgerechnet die deutsche Songcontest-Vorentscheidung macht erstmals das TV-Format Casting Show erträglich
Eine der größten popkulturellen Seuchen die uns das jüngst abgelaufene Jahrzehnt gebracht hat, sind ohne Zweifel Casting Shows. Vermeintliche Nachsingwettbewerbe in denen es oft mehr um die Mama im Knast, die Versöhnung mit dem verlorenen Vater oder ganz plötzlich kurz vor oder während der Show verstorbene Familienangehörige geht, zu denen im Zweifel auch Goldfische und Zwerghamster zählen dürfen. Vorhersehbare, durchfrisierte und künstlich aufgebauschte Pseudeereignisse die ein Massenpublikum ansprechen und Hitparadeneintagsfliegen produzieren. Ausgerechnet Stefan Raab – der sich sonst mit selbst erfundenen C-Promis in dadaistischen Wettbewerben misst – hat dieses Format nun für und Hipsters erträglich gemacht. Und noch dazu vor dem Hintergrund des mehr als toten Eurovision Songcontests. Es ist alleinig der Verdienst der Kandidaten, allen voran einer rotzfrechen 18jährigen Hannoveranerin: Lena Meyer-Landrut.

Lena Meyer-Landrut: Ein entzückendes und verrücktes Huhn
Sonntagabendprogramm
Das Stimmwunder Florence ließ mit ihren Maschinen die Woche in der Wiener Arena ausklingen
Sonntagabende haben stets eine eigenartige Stimmung. Sie sind so sehr das Ende vom Ende, dass man eigentlich schon wieder ganz am Anfang ist – das hat eine depressive Nüchternheit. Man verbringt sie vor dem Fernseher mit dem Tatort oder liest die übrig gebliebenen Bücher der Wochendausgabe seiner Zeitung. Pendler verbringen ihn auf Autobahnen, auf Bahn- oder Flughäfen. Und viele verbringen ihn mit dem Kater vom Samstag. Nur ganz wenige gehen am Sonntag aus. Weil das ist wirklich schräg. Wenn es um einen live Gig der am meisten gehypten Band aus 2009 geht, kann man sich aber den Wochentag nun mal nicht aussuchen.

Florence „the ginger Nightingale“ and the Machines schweben durch den Sonntagabend (Quelle: flickr.com)
Parolen für Erwachsene
Jeder spätere Kontakt mit einer verflossenen Liebschaft ist irgendwie seltsam. Mal wundert man sich über die Distanziertheit, die über die Jahre entstanden ist, mal wird man sentimental und schwelgt in Erinnerungen, mal überkommt einen Ekel und man fragt sich wie man nur konnte und manchmal aber nur sehr selten wünscht man sich in diese Zeit zurück. Meine musikalische Jugendliebe war Tocotronic. Zur Klärung der Epoche: Meine adoleszente Zuneigung erstreckte sich von Digital ist besser bis K.O.O.K.. Als ich 2002 nach dem erscheinen des sechsten Albums endlich Gelegenheit hatte sie live zu sehen, hatten wir uns längst auseinandergelebt. Die Liebschaft nahm ein jähes Ende: Noch bevor die Vorband von der Bühne ging musste ich kotzen – und das nicht im übertragenen, sondern im wörtlichen Sinn. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Auch wenn ich ab und wann was zu Ohren bekam, mal recht mal schlecht, war eigentlich Sendepause zwischen uns.

„Schall und Wahn“. Stillleben nach Tocotronic. Hamburg um die Jahrzehntenwende des dritten Jahrtausends. Vertigo Berlin. (Quelle: Amazon.de)
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