AAA made in Austria
Österreich ist ganz allgemein eine sehr karge Landschaft, was das Erblühen musikalischer Erscheinungen betrifft. Aber was dann das Segment der Solo-Künstlerinnen angeht, so scheint das Land der großen Söhne (und Töchter) so etwas wie die Sahelzone des Frauenpops zu sein. Freilich mit einer Ausnahme: Christina Stürmer ist was internationale Aufmerksamkeit und kommerziellen Erfolg betrifft einer der bisher erfolgreichsten Popexporte des Landes im neuen Jahrtausend.

Von links: Anja Plaschg, Anna F., Anna Kohlweis. Quelle: Wikimedia (2), flickr.
Doch der künstlerisch-kommerzielle Leerraum, der sich hier über viele Jahre ausgeweitet hat, scheint nun eine Art Sogwirkung erzeugt zu haben, die innerhalb kurzer Zeit zumindest drei absolute Ausnahmemusikerinnen in den öffentlichen Musikraum gezogen hat: Anja Plaschg, Anna F. und Anna Kohlweis. Alle drei verbindet eine für Österreich geradezu unwahrscheinliche Ausstrahlung, ein großes Talent zum Texten und Vertonen sowie ein authentisches Gesamtkonzept.
Anja Plaschg aka Soap&Skin. Wikipedia bietet mit dem Einstiegssatz über Anja Plaschg die ganze Härte des bäuerlich-bürgerlichen Hintergrunds auf: “Anja Plaschg wuchs im kleinen südoststeirischen Ort Gnas auf, wo ihre Eltern eine Schweinemast betreiben.” Da aber auch Betreiber von Schweinemastbetrieben bereits in den späten 90er Jahren Zugang zu Satellitenfernsehen einrichten konnten, konnte Anja die verstörenden Eindrücke, die Björk bei ihr hinterlassen haben musste, ganz gut auf ihr eigenes klavierspielerisches Talent projezieren und entsprechend entwickeln. Heute gilt sie international als Musikerin (und Schauspielerin) mit großem Potential, ihr Album Lovetune for Vacuum war ein Riesenerfolg - und am 5. April feiert sie ihren 20. Geburtstag. Web: www.soapandskin.com
Anna F. In heimischen Society-Kreisen wird gemunkelt, Christian Konrad höchstpersönlich habe Time stands still als neuen Raiffeisen-Werbesong ausgewählt. Allerdings nicht, wie auch schon böse hinzugedichtet wurde, weil Anna F. so wunderschöne Rehaugen hat. Jedenfalls ist die schöne Pop-Sängerin eine Erscheinung, die für Österreich alles andere als typisch ist. Auch wenn die Musik zeitweise im seichten Pop verschwimmt, ist ihr Debüt-Album For Real ein klasse Stück Popmusik mit ein paar kreativen Nummern, allen voran der Hommage an Jimmy Page. Ein Hinhörer, ihr Video zu Most of All ein Hingucker. Web: www.annaf.com
Anna Kohlweis aka Paper Bird. Auch im alternativen Sing-a-Songwriter-Segment gibt es eine große Überraschung: Was klingt, als wäre es irgendwo in einer New-Yorker-Subkultur entstanden, ist eine fantasievolle Konzeption im heimischen Liedermachermilieu. Auch wenn die Platten gewöhnungsbedürftig und für das raue Rocker-Herz doch etwas zu avantgardistisch daherkommen, ist Paper Bird live eine Erfahrung mit Gänsehautfeeling und Herzblühen. Web: www.paperbirdmusic.com
Bemerkenswert an dieser Stelle scheint der parallele Hintergrund und Lebenslauf der drei Künstlerinnen: Alle drei sind in etwa gleich alt (19, 25, 24) kommen aus dem Süden (2 x Steiermark, Kärnten) und haben sehr früh die Heimat verlassen, um in Wien ihrer musikalischen Verwirklichung nachzugehen. Die beiden Steirerinnen bereits heute mit kommerziellen Erfolg, alle drei aber mit einer Entwicklungsphase hin zu einer unglaublichen Ausstrahlung - drei Samen aus dem Süden, in Wien zu künstlerischer Pracht erblüht.
Tags: Anna F., Paper Bird, Soap&Skin
This entry was posted on Sunday, February 28th, 2010 at 8:33 pm and is filed under Scheiben. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.
May 16th, 2010 at 11:17 am
tonszene » Blog Archive » Austropopfest says:[...] von gefühlten 99% des Publikums nicht als solches erkannte Duett mit der eigenwilligen Anja Plaschg aka Soap&Skin (“Ich hab’ da vorhin ein Mädchen kennen gelernt … wir werden etwas gemeinsam [...]