tonszene

Musikerziehung für Fortgeschrittene

Flower

Parolen für Erwachsene

Jeder spätere Kontakt mit einer verflossenen Liebschaft ist irgendwie seltsam. Mal wundert man sich über die Distanziertheit, die über die Jahre entstanden ist, mal wird man sentimental und schwelgt in Erinnerungen, mal überkommt einen Ekel und man fragt sich wie man nur konnte und manchmal aber nur sehr selten wünscht man sich in diese Zeit zurück. Meine musikalische Jugendliebe war Tocotronic. Zur Klärung der Epoche: Meine adoleszente Zuneigung erstreckte sich von Digital ist besser bis K.O.O.K.. Als ich 2002 nach dem erscheinen des sechsten Albums endlich Gelegenheit hatte sie live zu sehen, hatten wir uns längst auseinandergelebt. Die Liebschaft nahm ein jähes Ende: Noch bevor die Vorband von der Bühne ging musste ich kotzen – und das nicht im übertragenen, sondern im wörtlichen Sinn. Wir hatten uns nichts mehr zu sagen. Auch wenn ich ab und wann was zu Ohren bekam, mal recht mal schlecht, war eigentlich Sendepause zwischen uns.

„Schall und Wahn“. Stillleben nach Tocotronic. Hamburg um die Jahrzehntenwende des dritten Jahrtausends. Vertigo Berlin. (Quelle: Amazon.de)

„Schall und Wahn“. Stillleben nach Tocotronic. Hamburg um die Jahrzehntenwende des dritten Jahrtausends. Vertigo Berlin. (Quelle: Amazon.de)

Als ich im Jannuar, rund um das Release-Date von Album Nummer Neun durch die Hansestadt schlenderte, waren die Schanze und das Karo-Viertel mit Plakaten zugeklebt, die unter dem Cover von Schall & Wahn in großen Lettern verkündeten: „Das erste Album eines neuen Jahrzehnts“. Der dramatisch nebulose Titel in Verbindung mit dem vergilbten Stillleben hatte was von genau jener verspielten Raffinesse, die mich als Teenager so zu begeistern vermochte. Es waren schon immer die augenzwinkernden Parolen, das stolze Gejammer und die gebotenen Projektionsflächen in Wort und Ton die, die Hamburger Schule im Allgemeinen und Tocotronic im Speziellen ausmachte. Also ließ ich mich in den Hanseplatte Laden treiben um eine erste Hörprobe zu nehmen. Sechs Wochen und unzählige Hörproben später habe ich mich durchgerungen mutig und ohne Zaudern zu attestieren: Schall & Wahn ist eine ambivalente Platte.

Guck mal: Gentrifizierung kann doch auch ganz schön sein: In dieser schicken Passage am Eingang zum Karolinen Viertel befindet sich der Hansplatte Laden. (Quelle: flickr.com)

Guck mal: Gentrifizierung kann doch auch ganz schön sein: In dieser schicken Passage am Eingang zum Karolinen Viertel befindet sich der Hansplatte Laden. (Quelle: flickr.com)

Die bedeutungsschwangere Schwermütigkeit, mit der die Platte beginnt, ist nur mit viel Nachsicht und Humor zu ertragen. Die Überportion Pathos führt mangels spitzbübiger Ironie schnell zu gähnender Langeweile. Vor allem wenn diese Phase die ersten 20 Minuten lang andauert, ehe mit Macht Es Nicht Selbst endlich die freundliche Tirade gegen die Do-It-Yourself-Gesellschaft ertönt. „Wer zuviel selber macht wird schließlich dumm – ausgenommen Selbstbefriedigung“. Und dann geht es auch Schlag auf Schlag weiter: Bitte Oszillieren Sie ist nicht nur rhythmisch zuckend und verlockend sondern auch ein Beweis dafür, das man dem eigenen Anspruch von Erwachsenenmusik schon gerecht werden kann ohne die Rockoberlehrerpose einzunehmen. Norddeutsch bildungsbürgerlich für „Move your ass“ heißt es da „… oszillieren Sie im Sinne der Ideologie … zwischen Trübsinn und Genie …“. Da erlaubt die Album Dramaturgie dann auch eine etwas verträumtere uns schwermütigere Stimmung wie beim Titeltrack Schall & Wahn. Nach diesem lyrischen Tiefgang folgt der musikalische Höhepunkt der Platte: Im Zweifel Für Den Zweifel. Hier wird wieder Parolenrock in reinster Form geboten. Auch wenn Sänger Dirk von Lowtzow früher mit den kreischenden Gitarren um die Wette postulierte und heute hingegen sogar die Manifestationen melodische Darbietungen sind, erinnert die Stimmung des Songs an Größen aus dem Tocotronischen Parolenkanon wie: „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, „Digital ist besser“ oder „Samstag ist Selbstmord“.

Modesünden aus den Neunzigern. (Quelle: Amazon.de)

Modesünden aus den Neunzigern. (Quelle: Amazon.de)

Der ironisch gemeinte (das wir beim mp3 Album sogar in mitgelieferten Videos für die ironielose Menschheit artig erklärt) Titel des Tracks Keine Meisterwerke Mehr, wird zu einem wahren Eingeständnis, mit dem das Song-Feuerwerk auch endet (alles was noch folgt, zündet nicht mehr so richtig). Auch wenn in Schall & Wahn von vielen Kritikern der krönende Abschluss der Berlin Trilogie gesehen wird ist man von der unbeschwerten Meisterhaftigkeit der jungen Jahren weit entfernt. Diese
Bowie-Anleihe ist zwar mehr als peinlich, der Scheibe muss man aber wirklich zugestehen, ihre beiden Vorgänger über weite Strecken zu überstrahlen.

Und dennoch: Tocotronic könnten heute nicht kommerziell erfolgreich (das ist natürlich relativ gemeint) diese Musik machen, wenn sie nicht vor 15 Jahren in Cordhosen und Adidastrainingsjacken ganz andere Töne gespuckt hätten. Umso ironischer ist es, dass es die Hamburgern mit Schall&Wahn erstmals an die Spitze der Charts geschafft haben. Ganz nebenbei zeigt das auch, welche Zielgruppen heute noch bereit sind, für Musik etwas zu bezahlen. Früher hat man ihre Platten gekauft weil einem die Musik aus der gerührten Seele gesprochen hat, weil man sich verstanden fühlte was ja in diesen Jahren selten genug der Fall war. Heute will man zwar nicht mehr verstanden werden, denn man versteht ja selbst schon genug von dieser Welt und man möchte schon wissen, was ihr geworden ist, aus der alten Liebschaft.

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One Response to “Parolen für Erwachsene”

  1. May 25th, 2010 at 10:59 pm

    tonszene » Blog Archive » Stars and Vibes says:

    [...] die ersten beiden Herrschaften ihr Werk konsequent fortgesetzt haben und sich Tocotronic weiterhin auf jeder Platte selbst  neu erfindet aber dabei nie so richtig zu sich selbst finden (außer live), schlüpfen die Sterne „in ein [...]

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