Hamburger Doppelleben
Es war genial. Großartig. Was Tocotronic bei ihrem Auftritt vergangenen Montag in der Wiener Arena abgeliefert haben, war die perfekte Materialisierung einer Rockkonzert-Idee. Die Vorzeichen waren dabei alles andere als vielversprechend: Schall und Wahn, ein avantgardistisches Tralala-Studioalbum, das das Potenzial zur wilden, theatralischen Umsetzung auf der Bühne nur schwer erahnen lies; intellektuell überzogene Berichterstattungen und Interviews in Tageszeitungen und Magazinen; und nicht zuletzt der programmierte kommerzielle Erfolg durch die Überwindung der Jugend-Bewegungs-Romantik und den Sprung hinein in die (Pop-)Kulturkonsumationsmaschinerie.

Selbstgemachte Rockmusik. Tocotronic in der Arena in Wien.
Aber ähnliche Vorzeichen gab es bei den letzten Alben, den bisherigen Teilen der Berliner Triologie, auch schon. Und stets konnten die mittlerweile zu Lehrern und Professoren der Hamburger Schule aufgestiegenen Jungs überzeugen. Aber was in der Arena am 29.3.2010 abging, das war ein echtes Meisterstück – darüber können auch Schlachtgesänge zur Abschaffung ebensolcher nicht hinwegtäuschen. Ein überwältigender Rock-Abend mit alten und neuen Stücken schaukelte sich über Stunden hin zu immer großartigeren Empfindungen und musikalischen Leistungen, die in einem 20-minütigen Kraftakt des Publikums zur Herbeiführung einer dritten Zugabe endeten. Vorangegangen war eine Zugabe mit einer 8-minütigen Neuinterpretation von „Die Idee ist gut, doch die Welt noch nicht bereit“.

Gute Idee. Hymnische Zugabe-Rufe. Viel Licht.
Dass sich Dirk, Arne, Jan und Rick von der Rockmusik verabschiedet haben, ist also nur ein Schein der alltäglichen Künstlerarbeit. Vielmehr haben sie ihre authentische und konsistente Jugendbewegeridentität zugunsten einer Superhelden-Spielerei aufgegeben: Tagsüber langweilige Kulturavantgardisten die in einer überzogenen Peinlichkeit den Inhalt ihrer Songs auf einer Pressekonferenz diskutieren – nachts die an ihrer eigenen Kultur gewachsenen Helden der Hamburger Schule: rockig, rotzig, wütend. Dirk, Arne, Jan und Rick sind als Künstler so farblos wie es Bruce Wayne als Wirtschafsmagnat und Society-Playboy ist. Aber Tocotronic sind das Batman-hafte, aggressive Alter-Ego.
Tags: Arena, Hamburger Schule, Tocotronic
This entry was posted on Saturday, April 3rd, 2010 at 12:10 pm and is filed under Live. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.
April 3rd, 2010 at 1:45 pm
ach du heliges kanonenrohr. ich muss an meiner urlaubsplanung arbeiten.
April 3rd, 2010 at 2:41 pm
kann das geschriebene nur bestättigen. sie haben auch den zweiten Termin am 30.3 unsagbar gerockt. Respekt…